Zusammenfassung
Crack steht im Zusammenhang mit starker Prekarisierung und offenbart die Grenzen der traditionellen Gesundheitsversorgung. Ein mobiles Team des Projekts RUE (Réponse Urgente et Engagement) agiert direkt im öffentlichen Raum, um Beziehungen aufzubauen, Risiken zu verringern und den Zugang zu medizinischer Versorgung zu erleichtern.
Mit einem multidisziplinären und sektorübergreifenden Ansatz reagiert dieses Dispositiv auf die Ausbreitung von Crack und auf die komplexen Bedürfnisse einer marginalisierten Bevölkerungsgruppe. Diese Kampagne findet mit Unterstützung von Republik und Kanton Genf statt.
Ausgangslage:
Crack ist eine abgewandelte Form von Kokain, die geraucht wird. Durch die Aufnahme über die Lunge entfaltet sich ihre psychotrope Wirkung noch schneller und intensiver. Diese Substanz löst ein starkes Gefühl der Euphorie aus, das mit vermehrter Energie und sozialer Enthemmung einhergeht.
Der Crack-Konsum führt tendenziell dazu, dass bereits marginalisierte Bevölkerungsgruppen noch fragiler werden. Personen in prekären Lebenssituationen greifen eher zu psychoaktiven Drogen, wobei verschiedene Faktoren eine Rolle spielen: ständiger Stress aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten, soziale Isolation, unsichere Wohnverhältnisse und traumatische Erlebnisse. Dies kann dazu führen, dass die Betroffenen im Konsum einen Ausweg oder eine vorübergehende Erleichterung suchen.
Erst im Jahr 2021 wurden die Westschweiz und insbesondere Genf mit dem aufkommenden Crackproblem konfrontiert, das zu sozialen Brüchen führte, wie sie schon lange in den Vereinigten Staaten zu beobachten sind. Verkauf und Konsum dieser Substanz konzentrieren sich hauptsächlich auf den öffentlichen Raum, vor allem in bestimmten Stadtvierteln Genfs, wodurch das Phänomen umso sichtbarer wird. Diese Situation hat heftige politische und öffentliche Debatten ausgelöst, Sorgen im Hinblick auf die öffentliche Sicherheit und Gesundheit genährt und die Frage aufgeworfen, was der Staat der Marginalisierung der Konsumierenden entgegenzusetzen hat.
Angesichts der sozialen und medizinischen Krise wird seit November 2023 ein mobiles Team des Universitätsspitals Genf (HUG) eingesetzt, das gemäss neuen Ansätzen präventivmedizinische Vor-Ort-Massnahmen umsetzt, verbunden mit sektorübergreifender Netzwerkarbeit, um eine ganzheitliche und inklusive Betreuung anzubieten. Es besteht also weiterhin ein entscheidender Bedarf an der Entwicklung personalisierter Interventionen, die auch kulturelle und andere individuelle Kontexte berücksichtigen und die aktive Einbeziehung der Betroffenen in ihren Genesungsprozess fördert, mit dem übergeordneten Ziel, den Crack-Konsum zu reduzieren.
Im Jahr 2024 wird die Zahl der regelmässig Konsumierenden auf mehrere Hundert geschätzt, wobei diese Schätzung unsicher bleibt, da viele aufgrund ihrer sozialen Isolation oder mangels Registrierung beim Konsumraum nicht in die Statistik einfliessen. Ähnliche Tendenzen sind nun auch in anderen Städten der Westschweiz zu beobachten, wo der Crack-Konsum ebenfalls zunimmt.
Stadt Genf; Universitätsspital Genf (HUG); Abteilung für Prävention und Gesundheitsförderung (SPPS) in Genf und des kantonsärztlichen Dienstes, Genf.
Auf entsprechendes Gesuch der Abteilung für Prävention und Gesundheitsförderung (SPPS) in Genf und des kantonsärztlichen Dienstes hin haben wir für die Jahre 2025 und 2026 eine Verstetigung des Projekts zugesagt.
Dr. Aoife Kirk (Internistin), Dr. Tiphaine Robet (Klinikleiterin), PD Dr. med. Louise Penzenstadler (approbierte Leitende Ärztin), Prof. Daniele Zullino (Ausserordentlicher Professor – Leiter der Abteilung für Suchtmedizin HUG); Ilonka Aibda (Sozialarbeiterin); Lydie Pinget (Sozialarbeiterin); Gloria Sandona (Sozialarbeiterin); Juliana Santos Cruz (Krankenpflegerin); Sacha Torri (Krankenpfleger); Boris Baldo (Krankenpfleger); Danny Nguyen (Krankenpfleger); José Bonvin (Experte aus Erfahrung); Corinne Bridel (Expertin aus Erfahrung); Norma Nasri Baillargeat (Expertin aus Erfahrung).
Der Ansatz besteht darin, ausserhalb der Institutionen zu intervenieren und die Betroffenen mit spezifisch suchtmedizinischem und psychiatrischem Know-how heraus aktiv aufzusuchen. Vor dem Hintergrund der anfänglich mangelnden Zusammenarbeit und Koordination mit dem Bereich der psychischen Gesundheitsversorgung ist durch diesen Ansatz eine völlig neue, sektorübergreifenden Zusammenarbeit zustande gekommen. Dank diesem Projekt ist unser Dienst seit über einem Jahr ein zentraler Akteur, der über die erforderlichen Kompetenzen und Erfahrungen für die Anwendung dieses Ansatzes in Zusammenarbeit mit anderen Stellen der Stadt Genf verfügt.
Projektziele:
Die Cracksucht stellt in der Schweiz eine grosse Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar, da es keine wirksame pharmakologische Behandlung oder Substitution gibt. Von 2013 bis 2021 stieg die Zahl der Anträge auf suchtmedizinische Betreuung wegen Crack-Konsums um 281 Prozent, was einen besorgniserregenden Trend aufzeigt.
Da es keine medikamentöse Behandlung gibt, beruht die Betreuung auf nicht-pharmakologischen Interventionen wie Abstinenzprogrammen mit positiver Verstärkung, dem Ermitteln der Auslöser für den Konsum und kognitiver Verhaltenstherapie. Mit diesen Ansätzen, die oft auf das traditionelle klinische Setting beschränkt sind, gelingt es jedoch nicht, alle Betroffenen zu erreichen, insbesondere bei stigmatisierten und obdachlosen Bevölkerungsgruppen.
Die Ziele des RUE-Projekts umfassen:
Traditionelle Versorgungsansätze, die darauf beruhen, dass Betroffene von selbst medizinische Einrichtungen aufsuchen, erweisen sich angesichts des steigenden Crack-Konsums als unzureichend. Das spitalzentrierte Modell wird den Bedürfnissen einer Zielgruppe nicht gerecht, die der herkömmlichen Versorgung oft misstraut und zu Betreuungsabbrüchen neigt. Daher sucht das Team die Konsumierenden direkt vor Ort auf, anstatt zu warten, bis sie von selbst kommen. Solche «Outreach»-Modelle, die vor allem in den USA und Kanada weit verbreitet sind, haben sich bei marginalisierten Bevölkerungsgruppen als wirksam erwiesen. Programme, die auf multidisziplinäre Teams setzen und die Schadensminderung in den Fokus rücken, haben besonders vielversprechende Ergebnisse vorzuweisen.
Das Projekt RUE hat die Aufgabe, die Risiken bei crackabhängigen Menschen zu verringern, die in der Stadt oft in prekären Verhältnissen leben. Bei unserer Arbeit vor Ort stiessen wir auf prekäre Umstände, die weitaus komplexer sind als gedacht: zügelloser Konsum, Gewalt, Traumata, Prostitution, ganz abgesehen von wirtschaftlichen Problemen, Wohnungslosigkeit, sozialer Ausgrenzung und extremer Isolation.
In Anbetracht der steigenden Zahl von Konsumierenden und deren prekärer Situation zielt das Projekt in erster Linie darauf ab, mit den Konsumierenden auf der Strasse in Beziehung zu treten, um ihnen den Zugang zur Versorgung zu erleichtern und vor Ort risikomindernde Massnahmen anzubieten. Die traditionelle Versorgung basierte auf der Vorstellung, dass Betroffene freiwillig medizinische Einrichtungen aufsuchen, um sich behandeln zu lassen.
Angesichts des zunehmenden Crack-Konsums hat sich dieses Modell als unzureichend erwiesen: Der spitalzentrierte Rahmen passt nicht zu einer Bevölkerungsgruppe, die sich mit der konventionellen Versorgung häufig schwertut, was sich in verpassten Termine und mangelnder Versorgungskontinuität äussert. Infolgedessen hat sich eine neue Herangehensweise herausgebildet: der proaktive, «aufsuchende» Ansatz, bei dem risikomindernde Massnahmen direkt vor Ort angeboten werden. Mittlerweile sind wir dank unserer Expertise der einzige anerkannte Schlüsselakteur in Sachen Risikominderung, der eine wesentliche suchtmedizinische und psychiatrische Dimension einbringt.
Das von der Abteilung für Suchtmedizin des Universitätsspitals Genf (HUG) geleitete multidisziplinäre Team mit Unterstützung der Republik und des Kantons Genf.
Das von der Abteilung für Suchtmedizin des Universitätsspitals Genf (HUG) geleitete multidisziplinäre Team mit Unterstützung der Republik und des Kantons Genf hat im Zeitraum 2024–2025 durch mehr als 394 aufsuchende Einsätze, Hunderte von Kontakten, die Mobilisierung von vier Berufsgruppen und mehr als 250 Koordinierungssitzungen erfolgreich 250 Konsumierende in das Versorgungsnetz des HUG integriert.
Die Evaluierung der aufsuchenden Einsätze hebt mehrere positive Ergebnisse hervor. Bei den dokumentierten Einsätzen wurde kein gewalttätiges oder aggressives Verhalten festgestellt, was auf eine insgesamt ruhige Lage hindeutet. Die Präsenz der Polizeikräfte, die bei den aufsuchenden Einsätzen der Versorgungsteams hinzugezogen wurden, wurde von den Konsumierenden gut akzeptiert. Sie hat den Kontakt, die Kommunikation sowie den reibungslosen Ablauf der Interventionen erleichtert.
Angesichts der obigen Ausführungen ergeben sich mehrere Perspektiven, um die Wirksamkeit der aufsuchenden Einsätze noch weiter zu steigern. Die beobachtete starke Prekarität in Verbindung mit einem multiplen Substanzkonsum unterstreicht die Notwendigkeit, die aufsuchenden Interventionen und die multidisziplinären Partnerschaften weiter auszubauen. Die positive Akzeptanz der Polizeipräsenz ist ein wichtiger Hebel, um eine gemeinsame Arbeit fortzusetzen, die auf Vertrauensbildung, Risikominderung und Orientierung auf die Versorgung abzielt. Es erscheint auch sinnvoll, die Massnahmen zur mittel- und langfristigen Betreuung zu intensivieren, insbesondere für Personen, die noch nie suchtmedizinisch betreut wurden.
Darüber hinaus konnten durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mehrere Personen ermittelt werden, die bereit waren, Betreuungsangebote in Anspruch zu nehmen, was den positiven Einfluss dieser gemeinsamen Präsenz auf die Orientierung zur Gesundheitsversorgung und den Zugang zur Behandlung belegt. Durch dieses gemeinsame Projekt wird deutlich, dass die Mehrheit der aufgesuchten Konsumierenden für eine Inanspruchnahme des Betreuungsangebots durchaus offen ist, entgegen der in der Bevölkerung häufig verbreiteten Wahrnehmung, sie hätten nur den Konsum im Sinn.
Die positive Akzeptanz der Polizeipräsenz ist ein wichtiger Hebel, um eine gemeinsame Arbeit fortzusetzen, die auf Vertrauensbildung, Risikominderung und Orientierung auf die Versorgung abzielt.
Letztendlich unterstreichen diese Ergebnisse die Notwendigkeit, Instrumente zur kontinuierlichen Evaluierung einzuführen, um die Strategien an die tatsächlichen Bedürfnisse vor Ort anzupassen und den Zugang zur Gesundheitsversorgung sowie zum Sozialschutz für diese besonders gefährdete Bevölkerungsgruppe nachhaltig zu verbessern.
aoife.kirk@hug.ch; tiphaine.robet@hug.ch; louise.penzenstadler@hug.ch
Hopitaux Universitaire Genève| aoife.kirk | |
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