FMH – Berufsverband
 
Jubiläumsserie in der säz
Digitaler Aufbruch und neue Strukturen

Digitaler Aufbruch und neue Strukturen

Mit dem SIWF sicherte die FMH ihren Einfluss auf die ärztliche Weiterbildung unter neuen staatlichen Bedingungen. Gleichzeitig legte sie mit E-Health und SwissDRG Grundsteine für das moderne Gesundheitswesen der Schweiz.
Vanessa Oskarsson

Vanessa Oskarsson
Kommunikationsspezialistin, Politik & Kommunikation, FMH

Barbara Kull

Barbara Kull
Co-Leiterin Politik und Kommunikation, FMH

Die Jahre zwischen 2006 und 2012 waren für die FMH prägend. Das Bundesgesetz über die Medizinalberufe (MedBG) von 2006 hatte den Rahmen neu definiert, und die FMH musste auf mehreren Feldern gleichzeitig reagieren: in der Weiterbildungspolitik, in der Digitalisierung und in der Tariflandschaft.

Das SIWF: Kontrolle erhalten durch Öffnung

Das MedBG von 2006 verlangte eine eigenständige Medizinalberufekommission (MEBEKO), die die gesetzlichen Aufgaben im Auftrag des Bundes wahrnimmt [1]. Eine solche wurde 2007 vom Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) ins Leben gerufen [1]. Um die Einheit der Ärzteschaft zu sichern und die Kontrolle über die Weiterbildung nicht gänzlich zu verlieren, arbeitete die FMH an einer proaktiven Lösung. Sie schuf eine in die FMH integrierte, formal aber unabhängige Organisation, die die staatlichen Aufgaben übernehmen konnte. 2009 nahm das Schweizerische Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) als autonomes Organ der FMH seine Arbeit auf [2].

Das SIWF ersetzte die bisherige Kommission für Weiter- und Fortbildung (KWFB) und agiert seither im Auftrag des Bundes. Diverse politische Akteure haben Einsitz, das Stimmrecht ist jedoch den ärztlichen Vertreterinnen und Vertretern vorbehalten [2]. Damit blieb die Weiterbildung in der Hand der Schweizer Ärzteschaft und das SIWF ein Teil der FMH. Im Sprachgebrauch ist bis heute vom «FMH-Titel» die Rede, auch wenn seit 2002 ein eidgenössischer Facharzttitel erworben wird [3].

Die FMH baut eine digitale Infrastruktur

2006 war auch ein Schlüsseljahr für die digitale Strategie der FMH. Als Reaktion auf steigende Anforderungen des Bundes und wachsende Bedürfnisse der Ärzteschaft richtete die FMH eine Stabsstelle «eHealth» ein. Deren erste Hauptaufgabe war die Entwicklung eines elektronischen Ärzteausweises, der Health Professional Card (HPC) [4].

Der Projektentwurf für die HPC wurde Ende 2006 vorgelegt, und die Karte ist seit 2009 Realität [4]. Sie ermöglicht eine sichere digitale Identifikation von Gesundheitsfachpersonen und bildet eine wichtige Infrastrukturgrundlage für das spätere elektronische Patientendossier (EPD). Ergänzt wurde das digitale Angebot durch die Plattform «myFMH», die bereits 2006 online gegangen war und den Mitgliedern zahlreiche Dienstleistungen digital zugänglich machte [4].

Ebenfalls ab 2006 wurde das elektronische Patientendossier (EPD) zum dominanten E-Health-Thema. Die FMH engagierte sich hier insbesondere für zwei Anliegen: die doppelte Freizügigkeit, also das Recht von Patientinnen, Patienten und Leistungserbringern, frei über die Teilnahme am EPD zu entscheiden, sowie den Persönlichkeitsschutz [4]. In der Frage der doppelten Freizügigkeit setzte sich die FMH nicht durch. Das 2015 verabschiedete und 2017 in Kraft getretene Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) verpflichtet Leistungserbringer grundsätzlich dazu, ein EPD anzubieten [4]. Erfolgreicher war die FMH mit ihrem zweiten Anliegen. Statt der AHV-Nummer (heute Sozialversicherungsnummer) kommt als Identifikation ein eigens für das EPD entwickelter Identifikator zum Einsatz [4].

SwissDRG: Fallpauschalen für Spitäler

Parallel zu diesen Entwicklungen rückte ein weiteres Tarifsystem in den Vordergrund: SwissDRG. Nach langen Vorarbeiten trat das Fallpauschalensystem für den stationären Bereich 2012 in Kraft. Es regelt die Abgeltung stationärer Spitalleistungen nach einheitlichen Fallpauschalen, was ein grundlegender Wandel gegenüber dem bisherigen Tagespauschalsystem war [5].

Die FMH ist als Mitglied der Trägerorganisation SwissDRG AG in die laufende Weiterentwicklung des Systems eingebunden. Die Tarifstruktur wird kontinuierlich angepasst, und die FMH ist stets am Evaluieren, Diskutieren und Entscheiden. SwissDRG gilt jedoch nicht für psychiatrische Einrichtungen und Rehabilitationszentren, dafür müssen eigene Tarifsysteme erarbeitet werden [5].

Eine FMH im strukturellen Umbau

Die Jahre 2006 bis 2012 zeigen die FMH als eine Organisation, die auf mehreren Schauplätzen gleichzeitig agiert: in der Weiterbildungspolitik mit dem SIWF, in der Digitalisierung mit E-Health und HPC, in der Tarifgestaltung mit SwissDRG. Das gemeinsame Muster dieser Periode ist ein proaktives Vorgehen. Die FMH wartete selten auf externe Entwicklungen, sondern versuchte, sie aktiv mitzugestalten. Die Stärke dieses Ansatzes zeigte sich besonders beim SIWF. Indem die FMH selbst eine staatlich anerkannte Weiterbildungsinstitution schuf, bewahrte sie ihren zentralen Einfluss auf die Facharzttitel – und dies trotz des Wegfalls des formellen Monopols.

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